"Politik, wo andere Urlaub machen!" war das Motto, das ein nahestehender Freund aus Greifswald Ende Juli 2025 in einer Nachricht an uns erwähnt hatte. Bereits 2025 war nämlich klar, dass die GRÜNEN bundesweit ihre Lehren aus dem Landtagswahlkampf in Thüringen ziehen und nicht nur die Wähler*innen-Mobilisierung, sondern auch die Aktiven-Mobilisierung und das Konzept des "Wahlkampf-Urlaubs" in einem größeren Maße umsetzen würden - in Bezug auf die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.
Beim Küchenlicht, am Vorabend der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, möchten wir hier und heute einmal unseren Wahlkampf-Urlaub in und um Greifswald Revue passieren lassen:
Ab April dieses Jahres fand sich tatsächlich relativ schnell eine kleine Gruppe Interessent*innen aus dem Ortsverband Neuss / dem Kreisverband Rhein-Kreis Neuss in unregelmäßigen Abständen via Signal und Zoom zusammen. Bald knüpften wir Kontakt zur Wahlkampfkoordinatorin und zum Kreissprecher des Kreisverbands Vorpommern-Greifswald - Mirja und Pascal - und schmiedeten gemeinsam Pläne für August 2026. Unser Besuch dort reihte sich in viele Besuche aus allen Ecken der Bundesrepublik - vor und nach uns, von Berlin bis Bayern - ein. Die Organisation von Mirja und Pascal hat uns Neusser*innen nachhaltig beeindruckt, da das Freiwilligenmanagement ausgesprochen reibungsfrei und vorausschauend verlief und wir uns super gut aufgehoben und betreut gefühlt haben. Man stelle sich einmal für sich selbst kurz vor, man müsse freiwillige, aktive Wahlkampfhelfer*innen, die zum größten Teil nichts ortskundig sind, einarbeiten und ihnen eine Übersicht geben - von Straßenzügen für den Haustürwahlkampf über Klärungen von Übernachtungsanfragen bis zu Tipps für Freizeitaktivitäten. Dies sind für sich genommen schon arbeitsintensive Aufgaben, mitten im ebenso arbeits- wie chaosintensiven Wahlkampf. Wir verneigen uns vor dieser organisatorischen Arbeit mit Demut und in großer Dankbarkeit.
Unsere Gruppe teilte sich aufgrund terminlicher Überschneidungen etwas auf, jedoch waren insgesamt folgende Mitglieder aktiv vor Ort im Wahlkampf dabei: Nicole R., Anja, Sarah, Lucie, Nicole F., Gitte, Maria, Gerd und Manfred. Viele weitere Mitglieder aus dem KV Rhein-Kreis Neuss sind dem Spendenaufruf gefolgt und haben dem KV Vorpommern-Greifswald durch Spenden zu mehr Plakaten, Flyern und Giveaways verholfen. Dies wurde auch noch einmal wertschätzend und mit Dank vor Ort erwähnt. Jede Hilfe zählt - jede*r gibt, was man gerade geben kann.
Nicole, Anja, Lucie und ich haben in der Woche im August auf dem nahegelegenen Campingplatz in Eldena übernachtet, während Gerd beim Kanuclub in Greifswald einen Zeltplatz gefunden hat. Wir haben in unserer Zeit abseits des Wahlkampfes riesige Staren-Schwärme an der Ostsee beobachtet, kulinarische Köstlichkeiten wie Fish&Chips genossen, sind mit teils ausgeliehenen Fahrrädern an der Ryck entlang geradelt (wo wir von jung bis alt Hobby-Angler*innen sichten konnten), haben die besonderen bunten Glasfenster im Greifswalder Dom von innen und vom Kirchturm aus den Ausblick auf die ganze Stadt bestaunt, haben am Affenfelsen bei Pommes und Snacks den Sonnenuntergang erlebt und waren immer wieder von der Gastfreundschaft der Menschen, die wir getroffen haben, wirklich berührt. Egal, ob GRÜNE in der Geschäftsstelle in Greifswald, aktive Mitglieder im Umland oder Menschen an den Haustüren in Vorpommern-Greifswald. Die Herzlichkeit war größer als alles andere.
Unsere Wahlkampf-Tätigkeiten vor Ort begannen circa eine Woche nach den Plakatierungen, sodass wir in erster Linie beim Haustürwahlkampf und beim Straßenwahlkampf unterstützt haben. Gemeinsam haben wir locker 2.000 Haustüren geschafft und eine ganz grundsätzlich positive Resonanz mitgenommen, welche wir - wenn wir ganz ehrlich sind - so nicht in Gänze erwartet hatten. Auch wir hatten unsere Vorurteile mitgenommen, so ganz ohne geht es vermutlich nicht, egal, wie sehr man sich wünscht, man habe keine. Natürlich haben wir hier und da auch negative Erfahrungen gesammelt, jedoch hielten diese sich in Grenzen und waren alles in allem auch nicht zu unterscheiden von den Erfahrungen, die wir auch vor Ort in Neuss bereits im Wahlkampf gesammelt hatten. So haben es sich zwei Mitglieder aus NRW und MV zur Aufgabe gemacht, im Haustürwahlkampf im Vorfeld des Klingelns an der Haustüre, aus dem Bauch heraus zu überlegen, ob nun eine Person aufmachen wird, welche den GRÜNEN eher gewogen ist oder welche auf keinen Fall GRÜN wählen würde. In den allermeisten Fällen lagen sie mit ihren Einschätzungen falsch, was sie selbst ermutigt hat, neugierig zu bleiben, und nicht (vor-)verurteilend. Letzteres ist man immer sehr schnell, das ist uns auf unserem Wahlkampf-Urlaub auch selbst noch einmal erschreckend bewusst geworden.
Dies ist jedoch nur ein Fenster zur Welt, unsere Eindrücke sind ein halbes Dutzend subjektive Eindrücke und es gehört - außerhalb des Wahlkampfes, wo es Medienhäuser gibt, die viel berichten und wo vielleicht auch noch mehr Leute vor Ort sind - egal ob im Urlaub oder im Wahlkampf-Urlaub - auf jeden Fall mehr als ein kleines bisschen Mut dazu, sich in Mecklenburg-Vorpommern politisch zu positionieren und zu engagieren. Dies wurde uns bei einem Gespräch mit einem Mitglied vor Ort klar, welches sich für Klimaschutz in einem kleineren Ort engagierte - als einziges GRÜNES Mitglied dort. In der Stadt Greifswald waren wir jedoch in einer ca. 56.000 Einwohner starken Universitäts-Stadt, die bei der letzten Landtagswahl 2021 mit der SPD eine klare Wahlsiegerin und ein starkes Ergebnis für die GRÜNEN verbucht hatte (Stadt Greifswald Zweitstimmen Landtagswahl 2021: SPD 33,5%, GRÜNE 14,4%, CDU 12,5%, AfD 12,4%, LINKE 9,9%). Auch in den Vororten um Greifswald herum ist die Stimmung jedoch eine deutlich andere, als sie das vermutlich im Süden des Landes Mecklenburg-Vorpommern ist.
Was wir jedoch mitnehmen, ist der Eindruck, dass ein GRÜNER Kreisverband wie der in Vorpommern-Greifswald eine aktive Mitgliederschaft hat, die durch ihren Mut und ihr Engagement eine zusammengeschweißte Gruppe bildet. Der Druck von außen wird spürbar höher, die Gelder, die den zivilgesellschaftlichen Organisationen bereits jetzt vom Bund gestrichen wurden, lösen schon jetzt ein Vakuum aus, das vereinzelt auch unsere GRÜNEN-Mitglieder vor Ort versuchen, durch Aktionstage und Aufklärungsinitiativen zu füllen. Während es eine als rechtsextrem eingestufte Partei in MV gibt, welche sich durch Millionenspenden aktiv vor Ort bei Gemeindefesten und Co. als Zuhörerin und Caregiverin inszenieren kann. Deshalb sind die bundesweiten Kürzungen bei Initiativen wie "Demokratie leben" auch so verheerend. Im Gespräch mit vor Ort engagierten Mitgliedern wird dies klarer, als in jedem Newsfeed oder in jeder oberflächlichen Talkshow.
Am Montag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt sind überall in MV Menschen auf die Straße gegangen unter dem Motto "Nicht mit uns - MV bleibt stabil", unter der organisatorischen Schirmherrschaft von Zusammen Bewegen (in Rostock ca. 3.000, in Greifswald ca.1.000 Demoteilnehmende). Es gibt laut den Umfragen über 60%, die mit ihrer Wahlprognose sagen, sie wollen ein demokratisches, offenes Mecklenburg-Vorpommern.
Wir Wahlkampf-Urlauberinnen aus Neuss haben in Vorpommern-Greifswald Menschen getroffen, die genau für diese Offenheit und für den Erhalt der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit stehen. Wir haben mit Mirja, Pascal, Katharina, Christoph und so vielen weiteren Mitgliedern zusammen Mut gefasst und Kraft geschöpft - inmitten des anstrengenden Alltags, welcher Wahlkampf eben auch bedeutet.
Wir möchten den Blogeintrag damit abschließen, dass wir hoffen, dass der freundschaftliche Kontakt zu einem Kreisverband, der uns aus sehr persönlichen Gründen so viel bedeutet, auch nach der Wahl gepflegt und aufrechterhalten werden kann und wir fiebern am Sonntag mit, wenn um 18:00 Uhr die ersten Hochrechnungen durchgegeben werden. Es wird weitergehen. Klare Kante Grün.
In Gedenken an Raphael Scherer.
Sarah, Lucie, Anja, Nicole