Vielfältige Mobilität im Umweltverbund für den RKN

Zugausfälle, Verspätungen, verpasste Verbindungen, fehlender Platz, Baustellen, Tarifdschungel und ein gestörtes Sicherheitsgefühl – all das sind Gründe, warum sich Menschen gegen den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und für das eigene Auto entscheiden, (wenn sie denn über ein solches verfügen können oder wollen!). Das sind nachvollziehbare Gründe, geschuldet der in der zurückliegenden Zeit vorhandenen Vernachlässigung des ÖPNV mitsamt seiner Infrastruktur.

Doch mittlerweile ist der politische Druck innerhalb und außerhalb der Parlamente, gerade auch durch die GRÜNEN und durch Pro-ÖPNV-Organisationen, so gewachsen, dass positive Veränderungen in Gang gekommen sind. Die Baustellen zeugen von der Notwendigkeit, die in Teilen marode Infrastruktur zukunftsfähig zu modernisieren. Alles keine Selbstläufer, alles noch viel zu wenig, insbesondere in der Finanzierung. Erforderlich sind massive Investitionen in die Nahverkehrsinfrastruktur und eine verlässliche, auskömmliche Finanzierung der Betriebsleistungen. Auch der Tarifdschungel wurde in unserer Region gelichtet. So hat der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) mit der großen Tarifreform im Frühjahr 2025 den Nahverkehrstarif in unserem Verbundgebiet wesentlich vereinfacht. Die Fahrgäste profitieren heute von einem übersichtlichen Ticketangebot und einfachen Tarifstrukturen. Hinzu kommt die Einführung von günstigen (Deutschland-, Firmen-, Azubi-, Sozial-)Tickets.

Gute Ansätze, aber (nur) erste Zwischenschritte, denn das Verständnis, was Mobilität ausmacht, hat sich massiv verändert: Gesetzlichen Klimaschutzziele sind zu erreichen und die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen haben sich geändert.

Im Rhein-Kreis Neuss (RKN) wird für 2028 der neue Nahverkehrsplan zu erstellen sein. Damit stellen sich auch für die Kreispolitik zentrale Fragen: Wie gestalten wir einen zukunftsfähigen, nachhaltigen und leistungsstarken ÖPNV und eine erfolgreiche Verkehrswende, die dem Klimaschutz grundlegend Rechnung trägt? Welche langfristigen Ziele verfolgen wir und welche kurz- bis mittelfristigen Maßnahmen wollen wir umsetzen, um mehr Menschen für umwelt- und klimafreundliche Verkehrsmittel zu gewinnen – und zwar nicht nur in den Städten, sondern auch in den ländlichen Regionen des Kreisgebietes? Wie also lässt sich im Kreisgebiet eine Mobilitätswende  etablieren, die dem schon vom VRR formulierten Leitbild „Klimaschutz durch Verkehrswende“ folgt, eine Mobilität im Umweltverbund, die mehr Menschen für Bus und Bahn begeistert und gleichzeitig den motorisierten Individualverkehr (MIV) reduziert?

Im Bahnliniennetz des Kreisgebiets verkehren verschiedene Arten von Bahnen: Regionalexpress, Regionalbahn und S-Bahn. Hier müssen wir uns als zukünftige Ziele (den VRR unterstützend) bessere Anschlüsse, dichtere Takten, kürzeren Reisezeiten und mehr Fahrkomfort setzen. Auch die Errichtung neuer Linien, wie die Rheinische Revierbahn, ist erforderlich. Sie soll im Personenverkehr Neuss über Grevenbroich mit dem Aachener Raum schneller verbinden und gleichzeitig über das Nachbargleis den Neusser Hafen über das belgische Montzen an den Überseehafen Antwerpen als Alternative zum LKW nutzen. Für schon bestehende Strecken muss die Einrichtung neuer Haltestellen eingefordert werden, wie zum Beispiel den Haltepunkt Gladbacher Straße im Neusser Norden für die Linien RE7, RE10 und RB37 oder den Haltepunkt Polizei/Adenauerring.

Die Erschließung des ländlichen Raumes im RKN ist von besonderer Bedeutung. Nicht alle Orte oder Stadtteile jenseits der Zentren sind gut an den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) angebunden. Teilweise legen Menschen weite Strecken mit dem eigenen Pkw zurück, um entweder zum nächsten Bahnhof oder direkt zu ihrem Fahrziel zu gelangen.
Hier braucht es bessere Angebote.

Eines davon sind Schnellbuslinien. Bisher wurde die schon geplante Linie X94 (Korschenbroich-Grevenbroich-Dormagen) aus Kostengründen nicht umgesetzt. Es muss dringend geprüft werden, unter welchen veränderten Bedingungen eine Realisierung möglich ist. Förderlich wäre auch, die bisher auf viele Betreiber aufgeteilten Busverkehre im ländlichen Bereich des RKN z.B. in einem Konsortium zu organisieren, um Abstimmungsprobleme zu vermeiden und  eine bessere Vernetzung im interkommunalen Bereich zu erreichen.

Wenn wir mehr Menschen zum Umstieg bewegen wollen, müssen wir auch über Pilotprojekte nachdenken. Sie müssen niedrigschwellig den Umstieg in den ÖPNV erleichtern, sollten zeitlich begrenzt für ausgesuchte Gruppen zur Förderung sozialer Teilhabe angelegt sein. In diesem Zusammenhang könnten auch die Erfahrungen mit bisherigen „On-demand“-Angeboten ausgewertet werden, um auf der Basis von „Best-Practice“-Beispielen zielgerichtet neue Ansätze zu finden.

Bisher wurde hier Mobilität unter ÖPNV-Aspekten vorgestellt, aber Mobilität ist weiter zu fassen.

Wenn die Beobachtung richtig ist, dass Mobilität zunehmend von individuellen Bedürfnissen bestimmt wird, dann sind zukünftig Angebote und Verkehrsmittel bereit zu stellen, die man/mensch zu durchgehenden intermodalen Wegeketten kombinieren kann. Damit ist die Mammutaufgabe der Verkehrswende definiert:
Eine vielfältige Mobilität mit einer zeit- und kostensparenden Mischung aus Bus und Bahn, Fahrrad- und Fußverkehr sowie Sharing-Angeboten, die gleichzeitig den Umweltverbund begründet und den Klimaschutz fördert.

Erhard Demmer, Vorsitzender des Mobilitätsausschusses des Rhein-Kreis Neuss