Besuch des Partnerschaftskomitees in Mikołów

Vom 23. bis 26. April 2026 reiste das Partnerschaftskomitee des Rhein-Kreises Neuss unter der Leitung von Tobias Püllen zum Partnerkreis Mikołów in Polen. Seit mittlerweile 32 Jahren besteht diese enge europäische Verbindung. Bei diesem Besuch waren wir besonders von dem starken Fokus auf Wirtschaft und den konkreten Betriebsbesichtigungen begeistert. Abseits der offiziellen Termine bot uns die Reise tiefe Einblicke in die Transformation einer Kohleregion , die spürbare geopolitische Anspannung unserer östlichen Nachbarn und die strukturellen Unterschiede in unserer politischen Arbeit.

Wirtschaft & Transformation: Von High-Tech-Plastik bis zu automatisierter Tradition

Der diesjährige Schwerpunkt lag auf der wirtschaftlichen Praxis. Neben den Unternehmensbesuchen wurden uns im Rahmen einer Jobmesse und Wirtschaftskonferenz auch lokale Betriebe aus Mikolów vorgestellt.

KI-gestützte Nahversorgung für den ländlichen Raum:
Bei den Unternehmenspräsentationen hat uns eine Firma ganz besonders beeindruckt, die voll elektronische Selbstbedienungsläden in Modul- bzw. Containerbauweise einrichtet. Mittels KI und kameragesteuerter Überwachung sind diese Läden rund um die Uhr (24/7) zugänglich. Für uns als Grüne ist das ein hochspannendes Konzept, um die Nahversorgung im ländlichen Raum, wo es oft keine eigenen Geschäfte mehr gibt, zu reaktivieren und zu sichern.

GeoGlobe Mikołów (Luftfahrt & Leichtbau):
Bei diesem spezialisierten Kunststoffverarbeiter erlebten wir eine beeindruckende Führung durch die gesamte Produktionslinie. Das Unternehmen fertigt unter anderem hochspezifische Kunststoffteile wie Sitzschalen und Tabletts für die internationale Luftfahrt. Besonders spannend war es zu sehen, wie die einzelnen Produktionsschritte von der ersten Entwicklung bis zum fertigen, exportbereiten Produkt ineinandergreifen.

Brauerei Tychy (Automatisierung trifft Denkmalschutz):
Ein echtes Highlight war die Führung durch die historische Brauerei in Tychy. Hier verbindet sich die imposante Kulisse denkmalgeschützter, historischer Gebäude mit einer hochmodernen, fast vollständig automatisierten Bierproduktion . Für uns ein spannendes Anschauungsobjekt, wie Industrieerbe bewahrt und gleichzeitig technologisch im 21. Jahrhundert angekommen ist.

Um diese Kontakte zu vertiefen, wurden die Unternehmen direkt zur Future Tech Fest-Messe am 10. September 2026 ins Areal Böhler nach Meerbusch eingeladen. Ziel ist es, die Start-up-Szene und KMUs (kleinere und mittlere Unternehmen) aus beiden Kreisen zusammenzubringen.

Bildung & Geopolitik: Die spürbare Bedrohung im Osten

Ein emotional intensiver Programmpunkt war der Besuch der Fachschule für Energie und Dienstleistungen in Łaziska Górne, welche schwerpunktmäßig auf Logistik und Elektronik ausgerichtet ist. Hier wurde uns schlagartig bewusst, wie massiv die Menschen in Polen von der Bedrohung durch Russland und den Krieg in der Ukraine betroffen sind.

Uniformklassen im Aufwind:
Neben den regulären Klassen gibt es dort sogenannte „Uniformklassen“ für Militär und Polizei, die aktuell einen enormen Zulauf verzeichnen. Die Schüler:innen absolvieren pro Woche zwei zusätzliche Unterrichtsstunden und nehmen ganz selbstverständlich in Uniform am Unterricht teil. Die Wahrscheinlichkeit, danach direkt in die Armee oder den Polizeidienst übernommen zu werden, ist dadurch sehr hoch.

Skepsis und Neugier am Schießstand:
Wir durften uns auf dem schuleigenen virtuellen Schießstand selbst ausprobieren. Für uns als grüne Delegation hinterließ das ein zutiefst ambivalentes Gefühl: Auf der einen Seite stand die Neugier auf die Technik, auf der anderen eine deutliche Skepsis angesichts dieser frühen Militarisierung im Schulalltag. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, wie real die Sicherheitslage für unsere polnischen Freund*innen ist.

Kultur & Erinnerungskultur: Kunst in Tychy und historisches Erbe in Krakau

Der letzte Teil der Reise war der Kultur gewidmet, die für uns immer auch ein zentrales Medium der Völkerverständigung und gesellschaftlichen Reflexion darstellt.

Kunstsammlungen in Tychy (Erinnerung und Aufarbeitung):
In Tychy besichtigten wir die beeindruckenden Kunstsammlungen des polnischen Investors Viktor Mokwa. Er hat dort mehrere Gebäude einer ehemaligen Brauerei mithilfe von EU-Fördermitteln in moderne Ausstellungsräume umgewandelt. Die aktuelle Ausstellung zeigte Ölgemälde, Skulpturen und Holzarbeiten polnischer Künstlerinnen. Besonders bewegend war für uns zu sehen, wie intensiv und tiefgehend sich die Künstlerinnen in ihren Werken mit den existenziellen Themen Krieg, Angst und Vergebung auseinandersetzen – Themen, die angesichts der aktuellen politischen Lage eine bedrückende Aktualität besitzen.

Historische Stadtführung in Krakau (Kulturelles Erbe):
Vor unserem Rückflug organisierte der Kreis Mikołów als weiteres kulturelles Highlight eine Stadtführung durch Krakau. Der Rundgang durch die historische Altstadt hat uns noch einmal vor Augen geführt, wie tief die kulturellen Wurzeln Europas miteinander verwoben sind und wie wichtig es ist, dieses gemeinsame Erbe über Grenzen hinweg zu pflegen und aktiv zu schützen.

Der Just Transition Ansatz: Kohleausstieg international gedacht

Sowohl Mikołów (Steinkohle) als auch der Rhein-Kreis Neuss (Braunkohle) stehen vor dem Ende der Kohleära. Dieser Strukturwandel stand im Zentrum des politischen Austauschs.
Das Beispiel Mikołów:
Das dortige Steinkohlebergwerk wird bis 2031 schrittweise geschlossen, was den Wegfall von 2.000 Arbeitsplätzen bedeutet. Ein neues Gesetz sowie rund 100 Milliarden Euro an EU-Geldern sollen diesen Prozess sozial abfedern . Spannend: Erste riesige Abraumhalde wird bereits als Park genutzt und soll nach Ende der Braunkohleförderung als Pumpspeicherkraftwerk genutzt werden.

Unsere Leuchtturmprojekte:
Tobias Püllen präsentierte die grünen Zukunftsprojekte unserer Heimat , darunter „Coal2Cloud“ (Umbau des Kraftwerks Frimmersdorf zum Digital-Hub) , das Lebensmittel Launchcenter (LCL) für nachhaltige Proteine , die regionale Wasserstoff-Kompetenzregion und das Innovation Valley Garzweiler .

Strukturcheck: Interfraktioneller Austausch und diplomatisches Feingefühl

Sehr aufschlussreich war für uns der interfraktionelle Austausch innerhalb unseres eigenen Komitees sowie die Gespräche mit den Gastgeber*innen. Dabei traten deutliche strukturelle Unterschiede in der politischen Arbeit zu Tage.

Strukturelles Ungleichgewicht:
Während wir als Rhein-Kreis Neuss gewählte Kreistagsmitglieder aus den Fraktionen entsenden, setzt sich das polnische Partnerschaftskomitee ganz anders zusammen. Dort sind im Wesentlichen Vertreter*innen der Kommunen – also Bürgermeister*innen, die Verwaltung sowie der Beirat des Landrats – mit dabei. Das sorgt für eine spürbare Asymmetrie in der politischen Debatte.

Diplomatisches Befremden:
Dass aus dem Rhein-Kreis Neuss weder die Landrätin noch Dezernent*innen persönlich mitgereist waren, stieß bei den polnischen Gastgeber:innen zunächst auf Irritation und Befremden. In der polnischen Verwaltungskultur hat die hierarchische Präsenz einen hohen Stellenwert . Wir konnten dieses Manko in den Gesprächen glücklicherweise etwas entschärfen. Vor allem Tobias Püllen ist durch seine starke Präsentation und sein professionelles Auftreten bei den Partnern in sehr positiver Erinnerung geblieben.

Neue Ausrichtung und finanzielle Augenhöhe als Zukunftsfundament

Die Delegationsreise hat eines sehr deutlich gemacht: Neben dem historisch gewachsenen und bisher dominanten Kulturteil war die neue, intensive Ausrichtung auf wirtschaftliche Kooperationen für beide Seiten ein echter Gewinn. Die ökonomische Transformation betrifft uns hüben wie drüben gleichermaßen. Gemeinsam mit dem nach wie vor unverzichtbaren und wertvollen Schüleraustausch muss dieser wirtschaftliche Austausch die tragende Säule unserer zukünftigen Zusammenarbeit bilden. Nur durch diesen konkreten, praxisnahen Mehrwert lassen sich die notwendigen politischen und administrativen Investitionen in die Partnerschaft langfristig und nachhaltig rechtfertigen.

Gleichzeitig haben wir auch strukturell einen wichtigen Schritt nach vorn gemacht: Der Rhein-Kreis Neuss hat die Regeln für die Aufnahme der polnischen Delegation reformiert. Der RKN kommt ab jetzt nicht mehr pauschal für sämtliche Kosten sowie für die mitreisenden Partner*innen der polnischen Delegierten auf. Durch die Etablierung dieses klaren Gastgeberprinzips verabschieden wir uns von alten Asymmetrien. Wir begegnen uns in der Partnerschaftsarbeit nun auch finanziell auf echter, partnerschaftlicher Augenhöhe. Die Weichen für eine stabile, zeitgemäße Kooperation sind gestellt.