Am 21.03. lud die Landtagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN NRW zu ihrem Frauenkongress in den Düsseldorfer Landtag ein. Neun engagierte Frauen aus dem Rhein-Kreis Neuss nahmen an dem vielfältigen Angebot ein. Von Vorträgen, Diskussionen, über Austauschmöglichkeiten mit Landtagsabgeordneten bis hin zu Workshops war alles dabei. Einige Erfahrungen möchten wir mit euch teilen:
Brigitte Abeln: „Femizide als Straftatbestand? Wie frauenfeindlich ist unser Justizsystem?“
war der Titel eines Workshops beim Kongress der Grünen Frauen am Samstag, 21.03.2026, im Düsseldorfer Landtag. Erwartungsfroh waren wir, neun Frauen unterschiedlichen Alters aus dem Rhein-Kreis Neuss, angereist und die Erwartungen wurden nicht enttäuscht.
Den Workshop leitete die Paderborner Landtagsabgeordnete Norika Creuzmann. Sie blickt zurück auf viele Jahre Arbeit im Paderborner Frauenhaus. Als weitere Referent*innen waren der nordrhein-westfälische Justizminister Benjamin Limbach und die Paderborner Juristin Heike Süsselbeck mit von der Partie.
Alle drei beschäftigt das Thema „Femizid“, also der Mord einer Frau meistens durch ihren Partner oder Expartner, der als juristischer Straftatbestand nach wie vor so nicht existiert, obwohl es insgesamt eine größere Sensibilisierung hierzu gibt. Sexualdelikte und häusliche Gewalt sind im Standardjurastudium fast gar nicht präsent, wie der Minister bemängelte.
Femizid, ein Täter ermordet beispielsweise seine Frau oder Exfrau, weil sie sich von ihm trennen will oder die Trennung androht. Um die Macht und Kontrolle nicht vollends über die Frau und ihr Leben zu verlieren, bringt er sie um. Dem vorausgegangen sind meistens schon Gewalterfahrungen, die die Frau und häufig auch ihre Kinder mit diesem Täter gemacht haben.
Laut Elke Süsselbeck, die als feministische Anwältin arbeitet und aktiv im Verein Feministische Juristinnen e.V. ist, bedarf es dringendst einer echten Umsetzung der Istanbul-Konvention aus dem Jahre 2018, die die Bundesrepublik Deutschland schon 2011 anerkannt hat. Aber bis heute werden nicht genügend Mittel bereitgestellt, um Gewalt gegen Frauen zu verhindern, Frauen und ihre Kinder zu beschützen. Bundesweit werden ca. 15.000 geschlagene Frauen mit ihren Kindern jährlich von Frauenhäusern abgewiesen, weil es einfach nicht genügend Plätze gibt. Was aus diesen Frauen wird, mag ich mir nicht vorstellen. Auch in Neuss haben wir das Problem, dass die im Antrag der Grünen geforderten Mittel von ca. 60.000 Euro für Frauenhaus und Frauenberatungsstelle von CDU und SPD blockiert werden. Das dürfte nicht sein.
Gewalt gegen Frauen ist eine Verletzung der Menschenrechte, keine Petitesse, keine Nebensächlichkeit. Es gilt etwas dagegen zu tun, auch bei uns im Rheinkreis Neuss.
Cathrin Linnartz: „Gewalt gegen Frauen bekämpfen: Das spanische Modell – mehr als eine Fußfessel“
Müşerref Tanrıverdi, Leiterin des Instituts für Menschenrechte, gab auf dem Frauenkongress der Grünen am 21.März 2026 gemeinsam mit Dr. Julia Höller und İlayda Bostancıeri einen komprimierten und überaus eindrücklichen Überblick über das spanische Modell zur Umsetzung des geschlechtsspezifischen Gewaltschutzes im Rahmen der Istanbul Konvenon. Im Vortrag machte die Juristin deutlich, welche Vorteile und Erfolge eine breit angelegte, umfassende Strategie zur Eindämmung von Gewalt erzielt und dass die doppelte elektronische Fußfessel, die unter Mitarbeit der Grünen auch in NRW zum Einsatz kommen soll, nur eines von zahlreichen wirksamen Mitteln zur Bekämpfung von Gewalt ist. Bei dieser Art der elektronischen Fußfessel erhält nicht nur der Täter ein entsprechendes Gerät, sondern auch das Opfer wird mit einem Armband ausgestattet, das dieses warnt, sollte sich der Täter in der Nähe aualten. Intendiert ist hierbei, dass der Täter statt der Betroffenen seine Routinen und sein Verhalten ändern muss, nicht umgekehrt.
Aber auch wenn diese neue Form der Fußfessel ein wichtiges Element im Gewaltschutz bildet, wird durch den direkten Vergleich zwischen Deutschland und Spanien mehr als deutlich, dass nur ein umfassendes Konzept, das sowohl Prä- als auch Intervention mitdenkt, zum Ziel führen kann, nicht nur Betroffene besser zu schützen, sondern auch ein Umdenken und eine dauerhafte Verhaltensänderung auf Seiten der Täter und mehr Bewusstsein in der Gesellschaft zu erzielen. Neben der Freigabe der spanischen Fußfessel ist in der laufenden Legislatur in NRW auch eine Verbesserung vor dem Hintergrund dieses Perspektivwechsels gelungen, denn Täter können bei drohender (weiterer) Gewalt nun statt zehn Tage bis zu 28 Tage lang der Wohnung verwiesen werden, sodass Gewaltbetroffene länger Zeit haben, sich nach konkreten Vorkommnissen neu auszurichten und ggf. weitere Schritte einzuleiten. Dennoch bleibt noch viel zu tun, um die Istanbul-Konvention gänzlich umzusetzen: Die spanische Offensive dient hierbei als vielversprechende Perspektive darauf, welche Schritte in Deutschland noch zu gehen sind.
Dorothee Schackow: „Vereinbarkeit von Familie und Beruf – Gelingensfaktoren in den Fokus genommen“
Ich selbst bin inzwischen Großmutter und meine beiden reichlich erwachsenen Kinder waren vor 35 Jahren in Krabbelgruppen, Tagesmutter und Elterninitiative untergebracht, damit mein Mann und ich unseren Berufen nachgehen konnten.
Ich wollte einfach wissen, was sich verändert hat bzw. hatte die Hoffnung, dass sich etwas verbessert hat (Ironie off!).
Das „Workingmoms“ Kollektiv mit Laura Postma (MdL) und Eileen Woestmann (MdL) hat den Workshop zu unterschiedlichen Themen mit der Methode des „Worldcafe“ geleitet, so dass jede von uns zu den Themenblöcken ihre Ideen einbringen konnte.
Es wurden zahlreiche Ideen entwickelt, z.B. zum Thema was können Arbeitgeber*innen tun, um berufstätige Frauen zu unterstützen? Das fing an mit Betriebskindergärten, familienfreundlichen Arbeitszeiten, Elternzeiten paritätisch aueilen, bzw. Väter nicht daran hindern diese zu nehmen, Notfall-Betreuung, falls die Kita ausfällt, mehr Home-Office, nach Elternzeit die Wiedereingliederung besser gestalten, u.v.m.
Beim Thema Care-Arbeit stellte sich heraus, dass -wie nicht anders zu erwarten- die Hauptlast immer noch Frauen tragen. Sie wird nach wie vor weder bezahlt noch gewürdigt und belastet berufstätige Frauen umso mehr. Hier gilt es politisch das Thema weiter zu bearbeiten und in der eigenen Partnerschaft auf gerechte Verteilung zu pochen. Ein langer Kampf!
Und beim Thema „Vorbilder“ war klar, dass sowohl männliche wie auch weibliche Vorbilder fehlen: in Büchern, in der Schule, in Filmen, in Kindersendungen, in der Gesellschaft und Familie……
Ich war erstaunt, wie viele Aspekte in 90 Minuten von uns betrachtet wurden und wie viele gute Ideen entstanden.
Die Frauenkonferenz hat mich inspiriert und beflügelt!
Ulrike Nicolai: „Gemeinsam unverzichtbar – Frauen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte – Ein Austausch über Gemeinsamkeiten, Unterschiede und mögliche Brücken zueinander“ mit Gönül Eğlence MdL
Der Workshop mit Frauen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte hat mir eindrucksvoll gezeigt:
Unsere Herausforderungen ähneln sich – und oft ähneln sich auch unsere Wege, sie zu bewältigen.
Solidarität statt Konkurrenz.
Vernetzung statt Alleingang.
Zuhören statt Gegeneinander.
Zwei Frauen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen haben offen aus ihrem Leben erzählt und ihre Erfahrungen geteilt. Ihre Geschichten waren verschieden – und doch verbunden durch Stärke, Mut und den Wunsch nach mehr Gleichberechtigung.
Diese Begegnungen haben mir einmal mehr bewusst gemacht, wie kraftvoll echter Austausch ist. Wenn wir einander zuhören, entsteht Verständnis. Und aus Verständnis entsteht Veränderung.
Meike Grewing: „Verkehrswende machen – eine Männersache?! Geschlechtergerechtigkeit in Planung, Betrieb und Verwaltung im Mobilitätsbereich“
Inhaltlich ging es darum, dass Frauen in der Verkehrsplanung/Stadtplanung stark unterrepräsentiert sind, und inwiefern das zur mangelnden Geschlechtergerechtigkeit beiträgt. Wir haben über verschiedene Aspekte der Mobilität gesprochen, die Frauen häufig anders betreffen als Männer: Zum Beispiel, dass Frauen häufiger mehrere verschiedene Wegpunkte ansteuern (Kita, Arbeit, einkaufen) und mehrere verschiedene Verkehrsmittel (Rad, zu Fuß gehen, Bus, Bahn, Auto) nutzen als Männer, die Verkehrsplanung aber häufig einen deutlich stärkeren Fokus auf Autofahrten zur Arbeit in der Nachbarstadt sowie sternförmige Nahverkehrslinien legt und die diverseren Bedürfnisse „weiblicher Mobilität“ schnell zu kurz kommen.
Beim Workshop waren auch Vertreterinnen der AGFS, Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW e.V. (https://www.agfs-nrw.de/), die uns einen Überblick über ihre Bemühungen gegeben haben, mehr Frauen für diesen Arbeitsbereich zu gewinnen. Der RKN ist wohl schon seit einigen Jahren Mitglieder in der AGFS (siehe https://www.rhein-kreis-neuss.de/de/verwaltung-politik/nachrichten/pressemeldungen-aus-dem-jahr-2025/fussgaenger-und-fahrradfreundlich-urkunde-fuer-den-rhein-kreis-neuss/), wir können uns dementsprechend an die AGFS wenden, z.B. für Argumentationshilfen zu Mobilitäts-Anträgen, oder um Workshops mit Schülerinnen zur Verbesserung der Schulwege zu organisieren.
Anja Runge: „Guerrilla Girls, Machtkritik und feministische Kulturpolitik heute“
Im Workshop “Guerrilla Girls, Machtkritik und feministische Kulturpolitik heute” stellte Regina Selter (Direktorin des Museums Ostwall im Dortmunder U) die Arbeit des feministischen Künstlerinnen-Kollektivs Guerilla Girls vor.
Die Gruppe gründete sich vor 40 Jahren und kämpt weltweit gegen Ausgrenzung von Frauen und People of Color in Kultur und Kunst.
Im Anschluss an den Vortrag berichteten die Teilnehmerinnen des Workshops von ihren Erfahrungen der “Geschlechterungleichheit” in der Kulturszene.
Ein Fazit des Workshops: Vernetzung von Künstlerinnen auf kommunaler Ebene ist eine wichtige Maßnahme. Besonders die Grüne Politik ist sich dessen bewusst und unterstützt die Schaffung von Platformen und Räumen für den Austausch von kunstschaffenden Frauen. Schaut selber einmal auf die Internetseite der Guerrillia Girls: https://www.guerrillagirls.com/