Inklusion hat viele Freunde

Ein offen­er Brief der Eltern­vere­ine für inklu­sive Bil­dung in NRW:

 

Sehr geehrter Herr Laschet, sehr geehrter Herr Lind­ner,

Sie bewer­ben sich als Spitzenkan­di­dat­en Ihrer Parteien um das Amt des Min­is­ter­präsi­den­ten des Lan­des Nor­drhein-West­falens. Für Ihre Wahlkampf-Angriffe auf die amtierende Lan­desregierung haben Sie sich ins­beson­dere das The­ma Inklu­sion aus­ge­sucht. Auf Ihrer Suche nach beson­ders schlagkräfti­gen Argu­menten zeich­nen Sie dabei ger­adezu katas­trophis­che Bilder, benutzen bedrohliche Meta­phern und ziehen Argu­men­ta­tion­slin­ien, die unsere Kinder mit Behin­derung als Stör­er von Schul­frieden und Bil­dung denun­zieren. Als Eltern von Kindern mit Behin­derung möcht­en wir Sie mit diesem Brief darauf aufmerk­sam machen, dass Sie mit ihrer parteipoli­tisch motivierten Rhetorik mas­siv­en Schaden anricht­en.

Sie Bei­de beze­ich­nen sich gern als Anhänger der Inklu­sion. Wir haben Sie jedoch noch nie mit Freude und Überzeu­gung von der Inklu­sion als selb­stver­ständlichem Ziel ein­er demokratis­chen, freien, vielfälti­gen und sol­i­darischen Gesellschaft sprechen hören.

Nie bericht­en Sie von den vie­len pos­i­tiv­en Beispie­len in gut funk­tion­ieren­den inklu­siv­en Schulen, von der Selb­stver­ständlichkeit, mit der Schü­lerin­nen und Schüler dort ihre Ver­schieden­heit akzep­tieren. Nie erzählen Sie von Ihrer Freude, Schü­lerIn­nen mit Behin­derung nach Jahrzehn­ten sys­tem­be­d­ingter Unsicht­barkeit mit­ten unter allen anderen Schü­lerIn­nen zu sehen.

Die Inklu­sion hat viele falsche Fre­unde. Wir erken­nen diese daran, dass sie nach einem wortkar­gen Beken­nt­nis zur Inklu­sion stets und nur noch von schlecht­en Beispie­len, fehlen­den Ressourcen und dem Erhalt der Son­der­schulen reden. Sie sprechen davon sich um das Wohl von Kindern mit Behin­derung zu sor­gen. Doch kaum kom­men nach jahrzehn­te­langem Son­der­schulzwang die ersten Kinder mit Behin­derung in den all­ge­meinen Schulen an, wer­den Sie von Ihnen unaufhör­lich und auss­chließlich als Kosten­verur­sach­er, Stören­friede und Zumu­tung durch die öffentliche Debat­te geschleift.

Zu volle Klassen und zu wenig Räume, Unruhe im Unter­richt und Über­forderung der Lehrer – alles, was zuvor als Ergeb­nisse eines von mehreren Lan­desregierun­gen zusam­menges­parten Schul­sys­tems bekan­nt war, wird von Ihnen heute zur Folge der Inklu­sion erk­lärt. Es würde uns kaum wun­dern, wenn Sie dem­nächst selb­st ver­stopfte Schulk­los als Inklu­sions­folge bekla­gen wür­den.

Damit nicht genug, würzen Sie Ihre Reden auch noch mit polemis­chen Anspielun­gen auf Gewalt, Zer­störung und Ver­nach­läs­si­gung. Da wird „mit der Brech­stange durchge­set­zt“, „zer­schla­gen“, „an die Wand gefahren“ oder „im Roll­stuhl ohne Betreu­ung auf den Flur geschoben“. So wird das Recht unser­er Kinder auf Teil­habe zu ein­er Bedro­hung für die Gesellschaft umgedeutet. Das ist Ihre Ver­ant­wor­tung

der Instru­men­tal­isierung der schulis­chen Inklu­sion als polemisch drama­tisiertes Skan­dalthe­ma für Ihren Wahlkampf richt­en Sie auch vor Ort in den Schulen mas­siv­en Schaden an. Sie ent­muti­gen all diejeni­gen Schul­ge­mein­den und Lehrer, die schon heute mit Freude und Engage­ment jedes Kind willkom­men heißen. Und sie souf­flieren all jenen Schulen und Lehrern, die behin­derte Kinder gar nicht oder nur unwillig unter­richt­en, dies als unbil­lige Zumu­tung zu betra­cht­en, der man sich mit Recht entziehen dürfe.

Und bevor Sie jet­zt erneut anheben (Sie wis­sen schon, die Unter­richtsstörun­gen und die über­forderten Lehrer…)

Nein, auch wir sind noch lange nicht zufrieden mit der Umset­zung der Inklu­sion. Auch wir fordern mehr Lehrer und Son­der­päd­a­gogen, kleinere Klassen und vor allem eine bessere Päd­a­gogik. Auch wir ken­nen Schulen und Beispiele, in denen für Schüler alles schief läuft. Diese Beispiele ken­nen wir aber genau­so aus allen Schul­for­men, auch aus Son­der­schulen und aus nicht-inklu­siv­en Regelschulen. Ger­ade wir als Eltern von Kindern mit Behin­derung fordern, dass die Qual­ität inklu­siv­er Schulen drin­gend und zügig verbessert wer­den muss.

Doch von Ihnen als Bewer­bern um das Amt des Min­is­ter­präsi­den­ten ist dazu noch kein einziger kon­struk­tiv­er Vorschlag bekan­nt.

Im Gegen­teil: So oft Sie sich auch zur Inklu­sion beken­nen, Ihre Forderun­gen zie­len auf das Gegen­teil: die inklu­sive Entwick­lung unser­er Schulen wieder zu been­den.

Es ist in höch­stem Maße unehrlich, ein­er­seits den Man­gel an Lehrern und Ressourcen in inklu­siv­en Schulen zu bekla­gen und gle­ichzeit­ig einen Bestandss­chutz selb­st allerkle­in­ster Son­der­schulen zu fordern, in denen genau die Lehrer und Ressourcen fes­thän­gen, die in der Inklu­sion gebraucht wür­den.

Es ist in höch­stem Maße unanständig, aus­gerech­net das Wohl unser­er Kinder im Munde zu führen, um sie unter diesem Vor­wand wieder in die Son­der­schulen zu schieben. Es kann nicht im Wohl eines Kindes liegen, es aus der Kinderge­sellschaft der Nach­barschaft zu reißen und in eine Son­der­schule zu schick­en, nur weil man nicht bere­it ist es in der näch­sten Grund­schule willkom­men zu heißen und ihm notwendi­ge Unter­stützung dort bere­it zu stellen.

Es ist in höch­stem Maße manip­u­la­tiv in wohlk­lin­gen­den Meta­phern davon zu reden, dass die Inklu­sion „auf Eis gelegt“ oder „entschle­u­nigt“ wer­den solle, denn sie fordern damit ein­deutig, dass Kinder wieder zwangsweise den Son­der­schulen zugewiesen wer­den. Eine soge­nan­nte „Aus­set­zung“ des Rechts auf inklu­sive Bil­dung wäre zudem ein klar­er Ver­stoß gegen die UN-Behin­derten­recht­skon­ven­tion.

Sehr geehrter Herr Laschet, sehr geehrter Herr Lind­ner,

wir Eltern von Kindern mit Behin­derung fordern Sie auf, die Instru­men­tal­isierung unser­er Kinder und ihres Rechts auf Teil­habe für Ihre Wahlkampfzwecke zu been­den. Sie haben sich zum gesellschaftlichen Ziel der inklu­siv­en Bil­dung bekan­nt – für demokratis­che Parteien eine Selb­stver­ständlichkeit. Dann sollte es genau­so selb­stver­ständlich sein mit kon­struk­tiv­en Vorschlä­gen an der Umset­zung mitzuwirken. Wir freuen uns auf Ihre überzeu­gen­den Vorschläge.

Mit fre­undlichen Grüßen

Ihre Eltern­vere­ine für inklu­sive Bil­dung in NRW

Gemein­sam Leben – Gemein­sam Ler­nen NRW e.V., Gemein­sam Leben – Gemein­sam Ler­nen e.V. Aachen,  Biele­felder Fam­i­lien für Inklu­sion, Biele­felder Ini­tia­tive Eine Schule für alle,  Gemein­sam Leben – gemein­sam Ler­nen e.V. Bonn,  Gemein­sam Leben – Gemein­sam Ler­nen Kreis Borken,  Elternini­tia­tive Inklu­sion Born­heim,  Gemein­sam Leben, Gemein­sam Ler­nen Dorsten,  Gemein­sam Leben und Ler­nen Düs­sel­dorf e.V.,  Schule für alle e.V. Hen­nef,  Gemein­sam leben ler­nen e.V. Hilden,  mit­ten­drin e.V., Köln,  INVEMA e.V. Kreuz­tal,  INKLUSION – HIER und JETZT e.V. Lev­erkusen,  Kleeblätter21 e.V. Mönchenglad­bach,  Ini­tia­tive gemein­sam leben & ler­nen e.V. Neuss, Gemein­sam leben, gemein­sam ler­nen – Olpe plus e.V.,  Gemein­sam leben – gemein­sam ler­nen Pul­heim,  Vibra e.V. Ratin­gen,  Elternini­tia­tive Inklu­sion im Kreis Waren­dorf, Arbeits­ge­mein­schaft der Eltern blind­er und sehbe­hin­dert­er Kinder in West­falen-Lippe e.V., Ini­tia­tivkreis Gemein­same Schule Wup­per­tal

weit­ere Unter­stützer: Landesschüler*innenvertretung NRW, Geschäfts­führen­der Vor­stand der LAG Selb­sthil­fe NRW e.V., Bund zur Förderung Sehbe­hin­dert­er BFS-NRW e.V., Net­zw­erk Inklu­sion im Kreis Waren­dorf

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